Am Anfang war das Pferd: EQUITANA feiert heute 45. Geburtstag

27.04.2017
EQUITANA 1972 Wolf Kröber | EQUITANA 1972 Wolf Kröber

EQUITANA 1972 Wolf Kröber

Essen. Fast hätte sie einen ganz anderen Namen bekommen: Insgesamt sechs standen zur Auswahl, darunter Titel wie „Exprint“ (Exposition Pferd und Reiter International), „Arepha“ (Aus¬stel¬lung: Reiterei und Pferdehaltung) und „Inpfera“ (Internationale Ausstellung für Pferde¬haltung und Reitsport). Doch so wirklich glück-lich schien Wolf Kröber mit den fein säuberlich ge¬tippten Vor¬schlägen nicht zu sein. Keiner der Namen gefiel ihm. Nachdem über Wochen Bierdeckel und Streich-holzschachteln mit allen möglichen (und unmöglichen) Namen bekritzelt worden waren, ergänzte Wolf Kröber die Liste schließlich handschriftlich um einen weiteren Namen: EQUITANA.

Es ist die erste, leider undatierte Erwähnung der neuen Messe, die noch bis Mitte Mai 1971 unter dem Arbeitstitel „Fachausstellung für Pferdezucht, Pferdehaltung und Reitsport“ stand und erst Ende Juli 1971 erstmals als „Essener EQUITANA“ offiziell auftaucht. Zu diesem Zeitpunkt war der damals 31jährige Diplom-Landwirt aus Ankum schon viele Tausende Kilometer quer durch Deutschland gefahren.

Ende 1970 tauchte die Idee, eine Pferdeausstellung zu veranstalten, erstmals auf und ließ ihn seither nicht mehr los. Rastlos, fast besessen nutzte er jede freie Stunde dazu, von seiner Vision zu erzählen und Mitstreiter zu gewinnen. „Essen, aus-gerechnet Essen“: Die Skepsis muss zunächst groß gewesen zu sein. Denn über der Kohle- und Stahlstadt an der Ruhr lag noch die dichte Russ- und Smogschicht einer Region, die außer mit dem Grubenpferd, das noch bis 1966 im Ruhr-Bergbau zum Einsatz kam, eher wenig mit Pferden zu tun hatte.

Es war ein Glücksfall, dass Wolf Kröber bei seinem ersten Gespräch mit der „Gemeinnützigen Ausstellungsgesellschaft m.b.H.“, der heutigen Messe Essen, auf einen Messe-Macher mit Leidenschaft stieß, der nach kurzem Zögern sehr schnell von der Idee und dem Initiator begeistert war: Mit Walter Bruckmann gewann Wolf Kröber im Februar einen Mitstreiter, der Feuer fing und sich auf städtischer Ebene mit viel Verve für das neue Messeprojekt verwendet: „Eigentlich war es Kröbers jungenhafte Dynamik, die mich einfach mitriss“, sagte Bruckmann, der im März 2006 im Alter von 91 Jahren verstarb. Der Messeprokurist, der mehrfach einen guten Riecher für neue Messethemen bewies, nimmt Kontakt zum Essener Pferdeexperten und DRFV-Vorsitzenden Gustav Pfordte auf, der die Idee sofort

unterstützte. Gleichzeitig bindet er den damaligen Oberbürgermeister der Stadt Essen, Horst Katzor, für die neue Messe ein und sichert sich seine Unterstützung. In seiner Doppelfunktion als Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Messe startet er von offizieller Seite eine Anfrage an Dieter Graf Landsberg-Velen, dem Präsidenten des Hauptverband für Zucht und Prüfung deutscher Pferde (HDP), zur Übernahme der ideellen Trägerschaft.

Danach setzen Tage bangen Wartens ein, denn es ist ungewiss, ob die „Funktionäre“ in den Verbänden, wie sie Wolf Kröber in einem Brief an Bruckmann nennt, mitziehen werden oder der geplanten Pferdemesse die Unterstützung versagen: „Es werden sich an oberster Stelle jetzt Diskussionen entspinnen, die leider sehr lange dauern können. Auf jeden Fall müssen wir jetzt weitermachen. Auch wenn unser Angebot ausgeschlagen werden würde, müssen wir trotzdem am Ball bleiben, da die Idee sonst irgendwo auf anderer Ebene realisiert würde“, schreibt Kröber am 24. Februar 1971 an Bruckmann. Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Denn Kröber weiß unterdessen, dass auch die Kölner Messe inzwischen eine Pferde¬ausstellung vorbereiten.

Kröber lässt nicht locker und schafft Fakten, noch bevor eine Entscheidung gefallen ist: Für den 3. Mai lädt er insgesamt neun Journalisten, darunter die Deutsche Presse¬agentur (dpa), die Welt, die WAZ, NRZ und die Essener Woche, zu einer Pressefahrt zum Gestüt Schmidt nach Ankum ein, um über die geplante Pferdemesse zu informieren. Zwei Tage später legt er nach und wendet sich an das Deutsche Olym¬pische Komitee für Reiterei. Mit Erfolg: Am 1. Juni 1971 teilt ihm das DOKR mit, die „ideelle Trägerschaft“ für die EQUITANA zu übernehmen.

Ein Meilenstein auf dem Weg zur ersten EQUITANA, die inzwischen fest auf den 27. April bis 1. Mai 1972 festgesetzt worden war. Es beginnt die Zeit, in der Wolf Kröber als Handlungsreisender durch Deutschland fährt und keine Gelegenheit auslässt, für seine Messe zu werben. Mehr als den Namen EQUITANA und eine bunt bebilderte Bro¬schüre hat er nicht in der Hand, wenn er abends, nach Dienstschluss und langer Autofahrt die Firmen erreicht. Insgesamt 45.000 Kilometer wird er bis zum Startschuss am 27. April mit dem Auto zurücklegen. Sehr plastisch schildert er seine Erfahrungen im ersten Katalog, der zur EQUITANA 1972 erschien: „Immer dasselbe: Verhandlung mit dem Partner, oft mehr oder weniger grimmige Leute. Essener EQUITANA, was ist das? Das lockt oft genug nur ein mitleidiges Lächeln hervor oder ein gespieltes Interesse. So endeten viele, viele Firmen¬gespräche, und die Liste der aktiven Aussteller blieb lange auf einem niedrigen Pegel.“

Doch es gibt auch Pioniere, die vom Start weg mitrudern (die Aufzählung kann an dieser Stelle nicht vollständig sein): Das Rheinische Pferdestammbuch und der DRFV waren die ersten, die von Verbandsseite eine zunächst noch reservierte

Deutsche Reiterliche Vereinigung ersetzten. Dazu kommen Firmen und Freunde, deren Namen auf ewig mit der EQUITANA verbunden sind und bleiben: Der Pferdetierarzt Dr. Helmut Ende beispielsweise, der bis heute mehr als eine Million Besucher in seiner Lehrschau „unterrichtete“; der Fachbeirat F.W. Witte und die Firma Höveler, der Lehrschmied H. Niemerg, das Zuchtgenie Georg Vorwerk, dazu Persönlichkeiten wie Ursula Bruns, Linda Tellington-Jones und J. C. Dysli, die einen „New Look“ in die Szene brachten. Starke Gründerpersönlichkeiten wie Anton Böckmann, Heinriche Klatte und Eugen Wahler setzten von Anfang an auf die EQUITANA. Das gilt auch für Firmen wie Alois Büning, Schöttstall, Hans Kirst, B. Wenig, Jos. Alber, die als Stallbauer seit 1972 dabei sind. Viele von ihnen wurden mit der EQUITANA groß und machten sie groß.

Doch es waren nicht nur Unternehmen der ersten Stunde, die mit der EQUITANA groß wurden: Denn von Anfang an war die EQUITANA ein Forum, das Innovationen forcierte, verfestigte Strukturen löste, Türen für neue internationale Pferderassen öffnete, neue Märkte formierte und als Steigbügelhalter eine ganze Generation junger Reiter zum Pferde führte. Das gilt für den VFD, der bereits zur 1. EQUITANA einen Ritt von Aachen nach Essen organisierte und damit gegen die damals entstehenden Landes-Waldgesetze protestierte. Und das gilt ebenso für die sich gründenden Interessengemeinschaften von Welsh über Fjord bis Connemara und Dartmoor. 180 Aussteller und 48.000 Besucher kamen zur Premiere.

Einer von ihnen war Alan M. Jacob, der 1972 mit einem Pferd auf der EQUITANA vertreten war, das bis dato in Europa weithin unbekannt war: das Quarter Horse. Der Amerikaner darf als einer der Pioniere des Westernreitens in Deutschland gelten. Drei Jahre später wurden acht Westernpferde vorgestellt und fünf Jahre später, 1977, gab es das erste US-Center, das ganz dem Westernreiter ver¬schrieben war. Zum ganz großen Durchbruch kam es 1981, als die Rodeogirls von der Riata-Ranch und Tom Meier eine einmalige Showeinlage boten. Der Song der kalifornischen Rodeogirls „Everybody wants to be a cowboy“ wurde zur Hymne einer Generation von Westerreitern. Aber nicht nur die Präsentation im Rampenlicht der Schaubilder bestimmten das Bild: Ab 1991 rückte die Westerndressur Reining in den Mittelpunkt. Kay Wienrich trug sich auf „Doc Chex“ als erster Sieger in die bis heute lange Liste der hochklassig besetzten Reining- und Cutting-Cups der EQUITANA ein.

Rückschau zu halten, war eigentlich nie Wolf Kröbers Art. Doch als er einmal zurückblickte auf die EQUITANA, da erschien er sich selbst „als ein kleiner Junge, der einen Schneeball geworfen hatte, der zur Lawine wurde“, wie er notierte. Aus der „one man show“ war inzwischen eine Weltmesse geworden, deren Organi¬sation zunehmend die Grenze dessen sprengte, was ein Mann und seine Sekretä¬rin, die er liebevoll „Meyerlein“ nannte, mit Unterstützung der Messe Essen zu leisten imstande war. Als er die EQUITANA 1991 an die britische Blenheim-Gruppe

verkaufte (deren Messeprogramm später in die Reed Exhibitions-Gruppe überging), spielten diese Erwägungen eine durchaus tragende Rolle. Denn: „Im weltweiten Netz einer international tätigen Company gibt es auch für die EQUITANA neue Perspektiven und großartige Vernetzungsmöglichkeiten“. Dieser Tragweite war sich Wolf Kröber bewusst, nachdem seine Versuche, die EQUITANA auch im Ausland als eigenständige Marke zu etablieren von ihm selbst als „Exkurse“ bezeichnet worden waren und er zunehmend die Notwendigkeit erkannte, internationaler zu werden. Gleichzeitig sah er, was dieser Schritt mit sich brächte und daher zwingend erforderte: Der Anspruch auf „hippologische Professionalität“, der sich nicht „nur“ darin erschöpfte durfte, internationaler Messe-Macher zu sein, musste sicher gestellt sein.

Ein Anspruch an die Leitung der EQUITANA, der bis heute zum Selbstverständnis des EQUITANA-Teams zählt, das ebenfalls ein Jubiläum feiert: Denn seit 20 Jahren ist inzwischen Christina Uetz der Kopf eines Teams, das sich die vielleicht wichtigste Eigenschaft bewahrt hat – die EQUITANA mit Herzblut und Leidenschaft zu veranstalten. Happy Birthday, EQUITANA. Happy Birthday Tina Uetz!


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